Was hinter „Totenstille“ steckt

Im neuen Tatort Saarbrücken ermittelt Stellbrink unter Gehörlosen. Julia Probst, die im wahren Leben Politikern auf die Finger klopft, wenn sie in Sachen Barrierefreiheit herumtrödeln, wirkte beim Drehbuch mit. Im Interview spricht sie über „Totenstille“ und die Hintergründe.

In „Totenstille“ liest ein junger Mann eher zufällig die Lippen eines Fremden. Der erklärt gerade in einem Telefonat, dass er soeben eine Frau getötet hat. Wie realistisch ist das?

Probst: Wenn man mich dabei im Kopf hat, dann ist das schon sehr realistisch. Denn die überdurchschnittlich gute Fähigkeit des Lippenlesens der Figur Ben basiert auf meiner Person. Ich bin dadurch bekannt geworden, dass ich bei der Fußball-WM 2010, -EM 2012 und -WM 2014 Jogi Löw und unseren Jungs das Gesagte von den Lippen abgelesen und vertwittert habe. Aber wie gesagt: Ich kann überdurchschnittlich gut Lippenlesen. Nicht allen Gehörlosen geht das so, weil es von verschiedenen Faktoren abhängt. Deutsche Sprachforscher haben herausgefunden, dass nur etwa 15 Prozent der deutschen Sprache ablesbar sind für Lippenleser, was daran liegt, dass im Deutschen vielfach lautsprachlich ähnliche Wörter existieren, die aber eine unterschiedliche Bedeutung haben. Man denke nur mal an: Butter und Mutter, Tisch und Fisch, Greifen und Reifen oder viele andere. Man sollte also bitte nicht automatisch von der Figur Ben darauf schließen, dass jeder Gehörlose jederzeit alles mühlelos von den Lippen ablesen kann, weil es eben wirklich nicht so einfach ist, wie es sich vielleicht anhört. In den USA arbeiten Gehörlose mit diesem hohen Niveau als Lippenleser übrigens beim FBI. Aber das Englische ist auch viel leichter ablesbar als das Deutsche, weil es eben nicht so häufig lautsprachlich ähnliche Wörter gibt. Also: Man kann schon sagen, dass die Szene in „Totenstille“ realistisch ist, wenn die Bedingungen gut sind und zufällig ein Lippenleser auf hohem Niveau herumsteht.

Es erscheint auf jeden Fall sehr beeindruckend.

Probst: Wenn Sie sich mal im Lippenlesen testen wollen, dann probieren Sie dieses Spiel hier aus, wobei ich dazusagen muss, dass es einem beim Spiel einfach gemacht wird, weil man ja Unterstützung hat.

Wie entstand die Idee zum Buch?

Probst: Schriftsteller und Drehbuchautor Peter Probst – der gemeinsame Nachname ist Zufall – hat mich angeschrieben und gefragt, ob ich ihm dabei behilflich bin, an einem Drehbuch für den Tatort zu arbeiten, in dem es um Gehörlose gehen sollte. Er hatte schon so eine Vorstellung im Kopf und hat mich immer wieder mit Fragen gelöchert. Dadurch entstand eine ganz tolle Zusammenarbeit und Freundschaft.

Welche Rolle spielten Sie konkret?

Probst: Ich habe die Figuren auf Authentzität abgeklopft, meine eigenen Erfahrungen und Ideen eingebracht, an Szenen mitgeschrieben. In den Figuren steckt ganz viel von mir drin: Ben hat die überdurchschnittliche Lippenlesefähigkeit von mir, Ambra die Zerrissenheit, Kassandra den Hang zur Unabhängigkeit und die wilde Seite. Ich habe also am Drehbuch mitgearbeitet, die Fachberatung geliefert und auch Castingvorschläge gemacht für die gehörlosen Rollen, weil ich dafür plädiert habe, diese Rollen mit echten Gehörlosen zu besetzen. Und die Idee für die „Barrierefreiheit“ für Hörende, die die Gebärdensprache nicht verstehen, ist auch von mir. (lacht) Ich bin da der Produktionsfirma, Regisseur Zoltan Spirandelli und Redakteur Christian Bauer sehr dankbar, dass man den Mut zur inklusiven Besetzung hatte. Es ist leider immer noch so in deutschen Produktionen, dass oft hörende Schauspieler Gehörlose spielen, was nie authentisch rüberkommt in meinen Augen.

Was machen Sie im wahren Leben, wenn Sie nicht gerade Sonntagskrimis entwickeln?

Probst: Den Politikern auf die Fingern klopfen, wenn sie in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion schlafen oder herumtrödeln. Und Tatort gucken.

Können Sie den Prozess der Entstehung des Tatorts beschreiben, der auf die Fertigstellung des Buchs folgte?

Probst: Man muss sich immer klarmachen, dass es selten ist, dass ein Drehbuch exakt so verfilmt wird, wie es abgegeben wird. Das war für mich auch hart, aber so ist es eben. Man kann nur noch hoffen, dass das „Baby“ gute Adoptiveltern bekommt. Ich war dann zwei Tage am Set in Saarbrücken, und es war toll zu sehen, wie die Figuren aus dem Kopf anfangen zu leben.

Inwiefern waren Sie da noch involviert?

Probst: Nach der Abgabe des Drehbuchs eigentlich gar nicht mehr, aber ich hatte natürlich mein „Baby“ weiterhin im Auge.

Warum passt „Totenstille“ besonders gut zum Tatort Saarbrücken?

Probst: Der Tatort Saarbrücken war ja von der Storyline noch nie gewöhnlich, und Stellbrink ist in meinen Augen ein emphatischer Ermittler, was ja auch dazu geführt hat, dass er in „Totenstille“ neue Seiten an sich entdeckt und diese auch zeigen kann.

Sie verfolgen den Sonntagskrimi jeden Sonntag mit Untertiteln. Inwiefern ist diese Möglichkeit inzwischen Standard im deutschen Fernsehen?

Probst: In den letzten Jahren hat sich die Situation sehr verbessert, die Untertitelquote im Ersten ist jetzt bei 90 Prozent, im ZDF und den Dritten schaut es auch ähnlich gut aus. Ingesamt kann man sagen, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen in den letzten vier Jahren wirklich sehr bemühen, was auch daran liegt, dass wir Gehörlosen seit 2013 GEZ-Gebühren in Höhe von sechs Euro zahlen müssen.

Woran hapert es noch?

Probst: Die privaten Sender hängen leider noch sehr deutlich zurück. Meiner Meinung nach hätte man zudem beim Ausbau des Angebots der Filme und Sendungen mit Untertiteln darauf achten müssen, dass die Untertitel qualitativ hochwertig sind, also exakt dem Dialog entsprechen. Daran hapert es aber leider ganz massiv, die Qualität ist sehr schwankend. Leider haben die Sender immer mal wieder noch die Vorgabe im Kopf, dass Vereinfachungen der Dialoge für Gehörlose und Schwerhörige optimaler sind. Dem muss ich energisch widersprechen, dieses Vorurteil hat sich längst überholt. In den USA und in England sind Eins-zu-Eins-Untertitel längst Standard. Das liegt nicht daran, dass die englische Sprache vom Satzbau einfacher ist, sondern daran, dass die Sender eben im Scrollverfahren untertiteln, welches wie eine Schreibmaschine weiterschreibt, während man in Deutschland immer noch auf das hemmende Blockverfahren – also Satzblock für Satzblock – untertitelt. Dabei wird leider immer wieder massiv gekürzt. Oft gehen dadurch ganz wichtige Informationen und der Wortwitz verloren. Das ist nicht nur schade, sondern auch eine Art Bevormundung: Da „entscheidet“ jemand, was wir Gehörlose zu „hören“ bekommen und was nicht.

In „Totenstille“ lesen die Gehörlosen Lippen, unterhalten sich aber über Gebärdensprache. Wofür braucht es letztere, wenn ersteres doch funktioniert?

Probst: Lippenlesen ist eben viel komplizierter. Und erst recht das Sprechen lernen, wenn man sich selbst nicht hört. Wir Gehörlosen können aber sprechen, unsere Aussprache hört sich halt erst mal ungewohnt an. Lippenlesen ist auch anstrengend, auch für mich, wenn ich es über mehrere Stunden mache. Und Gebärdensprache ist nun mal die natürliche Sprache, die Muttersprache der meisten Gehörlosen. Die Vorstellung, dass Gehörlose über das Lippenlesen an der Gesellschaft teilnehmen und sich mitteilen können, funktioniert so nicht. Mit dieser durchgesetzten Haltung des Oralismus hat man Gehörlose jahrhundertelang unterdrückt und die Gebärdensprache als Werkzeug zur Kommunikation und damit des Bildungserwerbs verboten. Dieses Verbot von 1880 wurde offiziell erst 2010 seitens der Internationalen Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser aufgehoben und eine Entschuldigung ausgesprochen. Aber schon in den späten 1990er Jahren hatte sich die Gebärdensprache Schritt für Schritt wieder etabliert und wurde 2002 offiziell anerkannt in Deutschland. (lacht)

Welches Gefühl hatten Sie, als Sie „Totenstille“ erstmals sahen?

Probst: Ich war sehr froh, vor allem, weil wir die Balance geschafft haben, dass die Geschichte sich nicht hauptsächlich um die Gehörlosen und ihren Alltag dreht, sondern dass sich das alles so ergibt, und es in erster Linie ein spannender Kriminalfall wurde, der eben spezieller Natur ist, weil die Kommunikation anders ist. Nach dem Tatort werde ich auch eine FAQ zum Tatort auf meinem Blog online stellen und Hinweise dazu geben, wo und wie man die Gebärdensprache am besten lernt. (Foto SR)

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